Evangelische Gottesdienste

Die ersten evangelischen Gottesdienste in Füssen 1839-1846

Das Stadtarchiv Füssen besitzt eine Anzahl von Schriftstücken (Sign. MA C 1.10), aus denen sich der geschichtliche Hintergrund für die ersten evangelischen Gottesdienste in Füssen erhellen lässt. Einige Briefe nehmen aufeinander Bezug, andere sind nur im Konzept oder unvollständig erhalten, ein Schriftstück ließe sich eher als Bericht bezeichnen. Es bleibt genügend Spielraum für Vermutungen.

Der Wunsch

Im Sommer 1837 wurde der evangelische Pfarrer Königsheim aus Kaufbeuren zu einem Krankenbesuch nach Füssen gerufen, wahrscheinlich zu August Dietz aus Augsburg, dem ersten Privatier in Füssen, der im gleichen Jahr noch starb. Bei dieser Gelegenheit wurde der Kummer ausgesprochen, dass die „Protestanten in und um Füssen ... bisher fast alle kirchlichen Wohlthaten unserer Confession entbehren müssen“. In einem Gesuch an das evangelische Pfarramt Kaufbeuren kam der Wunsch zum Ausdruck, „daß jährlich einmal der Pfarrer gegen Vergütung der Reisekosten hieher komme, an einem Sonntag in einem von uns leicht zu vermittelnden Locale predigen und uns das heilige Abendmahl reichen“ möge (19. Juli 1837).

Die Korrespondenz scheint in den meisten Fällen über den Rentamts-Oberschreiber H. Andreae in Füssen gelaufen zu sein, der im dritten Brief auch als Gutsbesitzer bezeichnet wird und 1846 in einem langen Schreiben aus Weizern an das Dekanat in Kempten sich als Geschäftsmann bezeichnet.

Die Genehmigung

Pfarrer Königsheim leitete das Gesuch um Gottesdienste in Füssen sehr schnell an das Konsistorium in Bayreuth weiter. Doch eine Bewilligung hing von der königlichen Regierung des Oberdonaukreises in Augsburg ab. Auch Magistrat und Polizei in Füssen sollten dazu Stellung nehmen, denn Pfarrer Königsheim mahnte die evangelischen Christen in Füssen, „eines Sinnes zu seyn und zu bleiben, wenn sie vorgerufen und über das eine oder das andere gefragt werden sollten.“ (23. September 1837)
 
Schon im Dezember 1837 kam die Genehmigung, „zweimalige Gottesdienst nebst Abendmahlsfeier in einem gemietheten Saale“ stattfinden zu lassen. Der „Kaufbeurer erste Pfarrer Königsheim habe hiebei zu funktioniren.“ (25. Januar 1838) Königsheim bat nun die Gläubigen, ihm mitzuteilen, wann und wo der erste Gottesdienst stattfinden könne.

Hier lässt der Briefwechsel eine Lücke. Wir finden nur einen angefangenen Entwurf zu einem weiteren Gesuch an die königliche Regierung von Schwaben und Neuburg. Möglicherweise versuchten die Füssener Protestanten, eine eigene Kirchengemeinde in Füssen zu gründen, doch dem gab die Regierung nicht statt. Im November 1838 kam aus München die nochmalige Genehmigung, „dass ein Geistlicher der protestantischen Kirche in Kaufbeuren ein- oder zweimal des Jahres auf Kosten der ersteren (nämlich der Füssener Protestanten d.V.) sich nach Füssen begebe und in einem Privatlocale das heilige Abendmahl reiche.“ (8. Februar 1839)

Der Raum

Wahrscheinlich hatte Baron von Aretin, Patrimonialrichter und Rentbeamter vom ehemaligen Kloster St. Mang, der in Diensten des Fürstenhauses Oettingen-Wallerstein stand, schon 1837 seine Zusage gegeben, einen Saal im Kloster zum Gottesdienst zur Verfügung zu stellen. Im Januar 1839 kaufte Baron von Ponickau, ein Protestant, die Herrschaft St. Mang. Ihn bat eine Abordnung der evangelischen Christen, „er wolle zu der erwähnaen Feyer seinen eigenthümlichen (= Eigentum d.V.) Saal im Kloster anlaßen, worauf er solches gnädigst bewilligte und noch anfügte, er könne auch seine eigenthümliche St. Anna Capelle zu diesem Gebrauch anlaßen, wenn wir wollen.“ (11.März 1839)

Foto Kapitelsaal, Klick zum VergrößernDer erste Gottesdienst fand am 9. Juni 1839 statt. Pfarrer Königsheim war schon am Vortag angereist und hatte die Beichte abgenommen. Wir können nicht mehr mit Gewissheit sagen, ob dieser erste Gottesdienst schon im Kapitelsaal gehalten wurde wie die folgenden. Hier schweigen die Briefe.

Die Teilnehmenden

Zu den ersten evangelischen Gottesdiensten in Füssen fanden sich jedesmal etwa 30 Personen ein. Sie wohnten nicht alle in Füssen, sondern „zum großen Theile in einer Entfernung von 2 bis 4 Stunden“ (Bericht vom 25. Mai 1840), wobei sicher Kutschenstunden gemeint waren. Auch Pfarrer Königsheim fuhr 11 Stunden mit der Kutsche von Kaufbeuren nach Füssen.

Die Teilnehmenden setzten sich zum großen Teil aus zugezogenen Beamten des Rentamts und des Zollamts zusammen. Auch der Posthalter Johann Albert aus Nürnberg mit seiner Familie gehörte zu ihnen, ebenfalls der praktische Arzt Dr. Albert Lotzbeck und der Apotheker Mayer aus Memmingen. Auch die Ehefrauen des Landrichters, eines Landgerichtsassessors und eines Gerichtsdieners fanden sich zusammen. Nicht zu vergessen ist die Witwe Dietz mit Töchtern und der Kupferschmied August Hartroth aus Nordhausen. Er scheint in den ersten Jahren der einzige Handwerker gewesen zu sein.

Der zweite Gottesdienst 1840

Entgegen der königlichen Zusage fanden die evangelischen Gottesdienste nun nicht zweimal jährlich, sondern nur einmal statt. So datiert der zweite am 24. Mai 1840. Von dieser Zusammenkunft besitzen wir einen Bericht: „...wurde in dem von Herrn Baron von Ponickau hiezu für die Zukunft bestimmten mit einem Altare versehenen Kapitelssaale des Klosters St. Mang Sonntags den 24ten Mai von 10 bis 11 ½ Uhr Beichte und Abendmahlsfeier gehalten, an welcher nach gewißenhafter und pünktlicher, theils direkter, theils indirekter Mittheilung des amtlichen Zuschreibens an alle mir bekannte Protestanten im Landgerichte Füßen, im Orte Reutte, und in der oberbayrischen Nachbarschaft 30 Glaubensbrüder andächtig Theil gewonnen, wie sich aus beiliegender Liste der Geldbeiträge ersehen läßt .“ (25.Mai 1840)
Die Unterzeichner dieses Berichtes waren Gutsbesitzer Andreae, Kupferschmied Hartrodt und Dr. Lotzbeck.

Beschwerde über Pfarrer Königsheim 1846

Das letzte Dokument der Akte ist ein Entwurf, den Gutsbesitzer Andreae für das Dekanat in Kempten formulierte und seinem Freund Dr. Lotzbeck zur Information sandte.

Es ist zu erkennen, dass die evangelischen Christen in und um Füssen mit ihren Seelsorger nicht zufrieden waren. „Ich will hier nicht die Person des Herrn Pfarrers Königsheim aus schuldiger Achtung vor jedem Seelsorger berühren, aber das dünkt mich zu sagen, wie unser Seelsorger seyn soll, wenn wir nur einigermaßen Erleichterung erhalten sollen.
1. Soll er jung seyn, um Strapazen leichter aushalten zu können, denn er hat 11 Stunden Weges zu uns
2. Soll er genügsam und nüchtern seyn können und dennoch geweckten Geistes seyn
.“

Sie wünschten sich zwei Gottesdienste im Jahr, die auch von der Regierung erlaubt worden waren, „und einen haben wir bisher nur genoßen, weil das Geld ... hiezu hart aufzubringen war, was auch gewiß der einzige Grund ist, weshalb wir nicht Gebrauch vom zweiten Gottesdienst machen.

Wir dürfen annehmen, daß 30 Gulden recht gerne an freywilligen Beyträgen eingehen dürften und ein auf weniger Bequemlichkeit usw. Anspruch machender Geistlicher sollte um diesen Betrag jährlich zweimal diesen Weg machen können, ohne aus eigener Kaße Vorschuß leisten zu müßen.

Würde sich der Geistliche mehr um uns verwenden, so würde sich auch bald die Kaße verbeßern, da man auch Fremde in Anspruch nehmen und Ihre königliche Hoheit die Kronprinzeßin selbst zur Unterstützung angezogen werden könnte, und würde er sich beschränken können, so wäre obiger Betrag hinreichend für Auslagen, so er seine Mühungen um unser Wohl Gott und der guten Sache zum Opfer bringen möchte und sich mit der Ehre und Achtung, die er erndten würde, begnügte.“ (24. Mai 1846)

Ein weiterer Grund zur Klage waren seine Reden „aus dem Stegreif, wie wir vorlieb nehmen und am Ende um diese noch froh seyn müßen.“ (24. Mai 1846)

Im Jahr 1863 starb Pfarrer Johann Friedrich Königsheim. Seine Nachfolge trat Emanuel Eduard Christa an.

Die gesellschaftliche Situation

Von der Situation der Protestanten inmitten einer katholischen Umgebung können wir uns heute kaum noch ein Bild machen. Deshalb sei zum Schluss noch einmal aus dem Brief vom 24. Mai 1846 von H. Andreae zitiert:

Wir sind lauter Leute über mittleren Standes und was Geschäftstreibende sind, die werden in hiesiger Gegend unterdrückt und verachtet, Beamte aber blos verachtet, weil ersteres nicht leicht seyn kann. Zwei Beispiele will ich ansprechen. Dr. Lotzbeck ist praktischer Arzt in einer ganz katholischen Gegend und bekanntlich laßt der Katholik sobald ihm nur der Leib ein wenig weh thut aus Todesfurcht sogleich den Geistlichen holen, und daß unter 1000 Geistlichen 2 sind, die einen praktischen Arzt anempfehlen, dagegen gewiß aber alle mit aller Macht abrathen und warum, lässt sich denken und hier ist es Gewissheit.

Wie kann er also vorwärts kommen in verdienstlicher Beziehung. Ich bin Geschäftsmann und musste vor Jahren einen öffentlichen Credit benützen. Schnell kam ich und am meisten durch meine katholische Verwandschaft in Misskredit und in kurzem war mir ein Schaden von 2000 Gulden gemacht, den ich in die königlich bayerische Sportelkaße einzulegen hatte. Ich suche mich mit aller Anstrengung aufrecht zu erhalten, und wäre in religiöser Beziehung nicht charakterfest, und wüsste ich mir aus heiliger Schrift nicht zu helfen und zu rathen, wäre ich längst verloren.

Demnach also thut uns wohl, wenn wir einen Protestanten sehen und wir würden uns freuen, wenn wir unseren Geistlichen öfter um uns wüßten!“

Ruth Michelbach 2006 

 

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